Mary Shelley: Frankenstein

Ein Klassiker. Jeder weiß ungefähr, worum es geht, kennt die alten Filme oder zumindest Ausschnitte davon und ist sich sicher, dass es sich um eine Horrorgeschichte handelt.

Ich sage, nein, es ist kein Horrorroman. Ich behaupte, es geht nicht darum, beim Lesen ein wohliges Schaudern zu empfinden und sich angenehm zu gruseln, sondern um ethische Fragen, die auch heute noch aktuell sind. Frankenstein erschafft sein Monster (wretch im Englischen), ohne sich vorher Gedanken darüber zu machen, was mit dem Wesen geschieht, sollte es wirklich leben. Er lässt das Wesen allein in einer Welt, die ihm fremd und nicht wohlgesonnen ist, empfindet sogar Abscheu vor dem, das er geschaffen hat. Aus einem wissenschaftlichen Experiment wurde eine Kreatur, die denkt und fühlt. Der Wissenschaftler Frankenstein hat wahrscheinlich nur die Möglichkeit, Leben zu schaffen, gesehen, sich aber keine Gedanken über die Konsequenzen gemacht. Er war mit dem realen Wesen überfordert und hat sich seiner Verantwortung entzogen. Es dürfte ein leichtes sein, dies auf die heutige Wissenschaft zu beziehen.

Somit war das Verhalten Frankensteins auch das, was mich am meisten zum Grübeln angeregt hat. Teilweise kam er mir dumm und naiv vor, aber auch verantwortlungslos. Ein Wissenschaftler, der wissen und forschen möchte, es aber nicht schafft, über den Tellerrand seiner Gedanken zu blicken. Jemand, der erst handelt, bevor er denkt und nicht wirklich über seine Position in der ganzen Situation nachdenkt. Für mein Empfinden hat Frankenstein bemerkenswert selten über sein eigenes Verhalten reflektiert, aber viel über sein Leiden gejammert.

Das fand ich viel gruseliger als das Monster selbst.

2 Gedanken zu “Mary Shelley: Frankenstein

  1. Hallo,
    interessant, was du da sagst. Wenn ich hier mit meinem Säugling so sitze, denke ich mehr noch an die Eltern-Kind Beziehung zwischen Wissenschaftler und Monster. Ist es nicht so, dass das Monster Frankenstein eigentlich hasst, weil er seine Vaterrolle so miserabel gespielt hat? Ist nicht das grundliegend Monströse in dem Leid, das Eltern unabsichtlich in ihren Kindern auslösen können? Und in dem, was Kinder, die schlecht behandelt wurden, als Erwachsene für einen Zorn und für Rachegefühle in sich tragen könnten? Das Monster kann ja durch seine Zeit als Beobachter dieser Bauernfamilie genau ermessen, was ihm fehlt und was unwiederbringlich verloren ist, weil Frankenstein ihn nicht als Mensch gesehen hat. Diese Zusammenhänge machen mir Gänsehaut, ganz besonders, weil ich mehr Mitgefühl für das Monster aufbringen kann als für den Wissenschaftler. Es lässt mich nachdenklich werden über die Gründe, die Mary Shelley hatte, das Monster empathisch in den Mittelpunkt der Erzählung zu rücken. Kritisiert sie damit die Eltern-Kind Kultur in England zu dem Zeitpunkt?
    Über eine Rückmeldung von dir würde ich mich freuen.

    Grüße und viel Glück

  2. Was Mary Shelleys Einstellung zur Eltern-Kind-Kultur dieser Zeit in England angeht, bin ich leider überfragt.
    Tatsache ist, dass das Monster sowohl gut als auch grausam ist, aber immer ausgesprochen menschlich. Es wünscht sich den Kontakt zu Frankenstein, seinem Schöpfer, der in der Geschichte irgendwo zwischen einem Vater und Gott anzusiedeln ist. Egal, ob man ihn als Vater (als Mensch) oder als Gott sehen möchte, muss man sagen, dass er seine Schöpfung sträflich vernachlässigt hat. Er macht sich im Vorfeld keine Gedanken über das Wesen, das er im Begriff ist, zu erschaffen, und hinterher denkt er nur wenig darüber nach, welche Beweggründe und Gefühle seine Kreatur denn haben könnte. Die meiste Zeit sieht er sie als ein böses Geschöpf, vor dem er alle anderen bewahren muss.
    Meiner Meinung nach ist der Text unter anderem eine ethische Abhandlung darüber, was passiert, wenn der Mensch seine Demut vor dem Leben verliert und sich als Schöpfer, als Gott, aufspielt, da man eine unheimlich große, vorher nicht absehbare Verantwortung auf sich lädt. Natürlich kann man Frankenstein auch als den Vater sehen, der sein Kind vernächlässigt, was der Psyche des Kindes sicher auch nicht zuträglich ist.

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